Was wird aus dem „Papierbild“?

Überlegungen zur Wirkung von Smartphones auf die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie

"Huch .....

Klaus Peter Wittemann (2012)

Veränderte Familien-Photographie

„Ich gestehe es: In letzter Zeit fotografiere ich immer häufiger mit meinem Handy. Und ich hasse es. Aber irgendwie komme ich nicht drum herum“ – mit diesen Worten eröffnet Florian Schuster, Chefredakteur von „Chip-Foto-Video“ sein Editorial zur Ausgabe 1-2012 (1). Unter der Überschrift „Handy-Kameras auf dem Vormarsch“ reflektiert er seine veränderte fotografische Praxis vor dem Hintergrund seiner professionellen Kenntnisse über Entwicklungen auf dem Gebiet (digitaler) Foto-Aufnahmegeräte.

Schuster schildert eine in der Amateur-Fotografie schon lange ganz wichtige „soziale Gebrauchsweise der Photographie“, um die Formulierung von Bourdieu aufzugreifen, auf dessen Überlegungen ich mich hier beziehe. Der hier zu betrachtende Gebrauch der Photographie dient einem Zweck außerhalb der Photographie, nämlich der Festigung des Familienzusammenhangs, und lässt sich analytisch von der „Kunstfotografie“ abgrenzen, die sich selbst genügt. Thema der Handy-Fotos ist ganz überwiegend die Tochter, „aufgenommen meist unterwegs. ….. Damit die Familie daheim quasi live miterleben kann, was wir so treiben“.

Das „live miterleben“ steht als Hinweis darauf, dass Schuster die Fotos bei Facebook einstellt. Und diese Möglichkeit ist in sein Smartphone integriert und macht die Handy-Kamera attraktiv. Wichtig für die mich interessierende Frage nach veränderten Mustern der Photographieerstellung und -nutzung ist hier, dass Schuster ja nicht zur Handy-Kamera greift, weil er nichts anderes kennt oder zu anderen Möglichkeiten keinen Zugang hat.

Er betreibt das Photographieren sogar doppelt: „In der Praxis führt das oft zu der bizarren Situation, dass ich einzelne Bilder sowohl mit dem Handy als auch mit der SLR mache“. Mit dieser Doppelung hält er sich als „Familien-Photograph“ die bei engagierten Amateuren wichtige Option offen, von der technischen Seite her zur „Kunstfotografie“ – im Sinne einer zweckfreien Photographie –  anschlussfähig zu sein.

Dass Schuster einen technischen Ausweg aus der von ihm als bizarr empfundenen Situation vorschlägt, nämlich die bisherigen Nur-Kameras mit Mobilfunkkarte und Facebook-Button auszustatten, ist wohl der Sorge geschuldet, dass sonst die von ihm beruflich betreute Art der ambitionierten Amateur-Photographie noch mehr in eine Spezialisten-Ecke gedrängt würde. Diesen Aspekt möchte ich hier nicht weiter verfolgen, sondern mich den Teilen der Gebrauchsweisen von Photographie zuwenden, die nach dem „Druck auf den Knopf“ liegen und die mit dem Wechsel der technischen Basis der Photographie neue Möglichkeiten eröffnen. Ob damit den verschiedenen schon längst etablierten sozialen Gebrauchsweisen der Photographie von der „Familien-“ bis hin zur „Kunstfotografie“ lediglich neue Realisierungschancen geboten werden oder ob im sozialem Sinne neue Gebrauchsweisen entstehen, muss hier offen bleiben.

Darstellung des Bildes auf Papier oder Bildschirm

Die photographische Aufnahme ist unmittelbar nicht sichtbar, egal ob es um den belichteten Film oder die Daten eines ausgelesen Chips geht. Beim Film ist das nutzbare Ergebnis das auf einem Träger einigermaßen dauerhaft fixierte Bild, in der Regel das Papierbild, das im weiteren vereinfachend mein Bezugspunkt ist. Wenn dieses einmal vorliegt, kann es ohne besondere Sichtgeräte angeschaut werden; und ohne Gerät heißt eben auch ohne Kenntnis der Gerätebedienung.

Beim „Sofort-Bild“ sind die Schritte bis zum Papierbild zeitlich stark komprimiert und erfordern vom „Macher“ keine besondere Ausrüstung, Kenntnisse und Fertigkeiten, was allerdings auf die Einflussmöglichkeiten des Bildproduzenten auf das Ergebnis minimiert. Dies sieht beim Negativfilm anders aus: es dauert einige Zeit bis zum Bild, und es braucht dazu eben diese besondere Ausrüstung, Kenntnisse und Fertigkeiten. Und man kann ein Papierbild weder „beamen“ noch wie eine Digitaldatei kopieren.

Die technische Spezifikation der „analogen Fotografie-Kette“ (von der Motivauswahl über die Aufnahme, die Aufbereitung zum Papierbild bis hin zur Übergabe an den Nutzer, der das Bild dann rezipiert) gibt den jeweils realisierten sozialen Gebrauchsweisen eine bestimmte Langsamkeit und Umständlichkeit. Es dauert und fordert einige Arbeitsschritte, bis das Hochzeitsbild den Weg in den Bilderrahmen oder ins Familienalbum gefunden hat.

Was ändert sich und was bleibt konstant, wenn die Fotografie-Kette auf digitaler Technik und Internet beruht? Das Kontinuum ist die Bindung an eine Praxis, die außerhalb des Fotografierens liegt, nämlich die des Familienlebens. Agfa-Klick und Papierbild dienen dieser „Familien-Photographie“ ebenso wie Smartphone und Facebook. Die Differenz liegt zunächst in der Geschwindigkeit: in Schusters Worten sind die Daheimgebliebenen live dabei – wenn sie denn über einen Facebook-Account, einen Internetzugang und ein geeignetes Endgerät verfügen (und damit umgehen können und wollen). Neben PC, Notebook, „Digitalem Bilderrahmen“ oder Smart-TV dürfte dem Smartphone als dem mobilen „Immer-dabei-Gerät“ für das „live dabei“ via Facebook besondere und zunehmende Bedeutung zukommen. Wenn ich es richtig sehe, gibt es eine Tendenz, mobil zu „facebooken“; zur Vereinfachung der Argumentation gehe ich im weiteren vom Smartphone als dem wichtigsten Darstellungsmedium der hier interessierenden Bilder aus.

Zu fragen ist nun, welche Anforderungen diese Nutzungsweise an die Bildproduktion stellt. Wichtig scheint mir zu sein, dass häufig oder gar laufend Bilder anfallen, was einen Unterschied zur Photographie der „besonderen Gelegenheit“ markiert. Die Bilder müssen schnell verfügbar sein in dem Sinne, dass sie ohne besondere Arbeitsschritte in ein screentaugliches Format gebracht werden und ins Netz gehen können. Mag die aktuelle Smartphone-Generation in wichtigen aufnahmetechnischen Aspekten gegenüber einer dezidierten Kamera unterlegen sein: sie ist immer dabei! Und das Smartphone macht das alte Kodak-Versprechen auf neue Weise war: “You press the button – we do the rest”. Der Unterschied ist aber gewichtig: es geht nicht mehr um ein Papierbild, jedenfalls nicht mehr primär! (2)

Verschwindet das Papierbild?

Nun ist die These sicher zugespitzt. Gerade für die soziale Gebrauchsweise der „Familien-Photographie“ wird durch die Einbindung der älteren Generation, für die Facebook und Smartphone kein Heimspiel darstellen, das Papierbild eine wichtige Rolle spielen. Dies könnte für die „Facebook-Generation“ schon anders sein. Vergleichsweise wenige, „langsame“ (im Sinne der Frist zwischen Aufnahme und Erstnutzung), aber halbwegs dauerhafte Prints werden in dieser Gruppe durch viele, schnelle, per Softwareautomatiken leicht modifizierbare und eher kurzlebige Screenbilder (oder gar durch das Kurzvideo) abgelöst. Was dies für die Gebrauchsweise von Photographie durch die „Facebook-Generation“ im Einzelnen bedeutet, muss hier offenbleiben; ich vermute allerdings, dass sich diese von den überlieferten Nutzungsmodi unterscheidet, die sich am Papierbild entwickelt haben.

Eine solche Entwicklung hätte m. E. auf mittlere Sicht Folgen für die Gebrauchsweisen von Photographie über diese Gruppe hinaus. Um nur drei Aspekte anzudeuten:

  • Verändert sich damit das, was Bourdieu die „gesellschaftliche Definition der Photographie“(3) genannt hat und die impliziert, „die Photogaphie als ein Modell der Wahrhaftigkeit und Objektivität zu beschreiben“?
  • Was passiert mit der inzwischen als „legitime Kunst“ etablierten Kunstphotographie, wenn die Gebrauchsphotographie ihren Schwerpunkt vom Papier- zum Screenbild verlagert und sich „verflüssigt“ oder gar verflüchtigt?
  • Wie ändern sich die Anforderungen an ein fotografiefähiges Gerät? Wird die „digitale Nur-Kamera“ zu einem randständigen Spezialgerät gegenüber einem „Auch-Kamera“-Smartphone und erlebt so das Schicksal der Plattenkamera?

 

.... wo bin ich denn hier gelandet?"

Anmerkungen:

(1) Florian Schuster: Editorial Chip-Foto-Video 1-2012, S. 3
(2) Einen verringerten Stellenwert des Papierbildes kann ich auch an der eigenen Fotopraxis feststellen: ich mache selbst nur als Ausnahme Papierbilder, meist zum Verschenken oder für Kalender. Was über die Festplatte rauskommt, steht im Internet (www.kpw-photo.com) und wird durchaus auch (oft ungefragt) von anderen benutzt. Nachfrage nach druckfähigen Dateien kommt nur auf, wenn es den Nachfragern um Plakate, Flyer oder CD-Covers geht, wo also die Verwendung eines „Screenbildes“ ausgeschlossen ist
(3) Bourdieu, Pierre u.a.: Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie. EVA 1981 (Paris 1965), S. 85.

  1 comment for “Was wird aus dem „Papierbild“?

  1. dietmar gaiser
    27/01/2012 at 4:25 pm

    Ich finde den Artikel von Klaus Peter Wittemann sehr treffend. Endlich gibt sich mal jemand die Mühe, über die Fotografie nach zu denken. Herzlichen Dank. Dietmar Gaiser

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